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2018 / Polaroids

The Aftermath – Zu Tisch

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Vielen Dank an die Keller III – Crew, besten Dank an Sophia, die sich so hingebungsvoll um alles und alle gekümmert hat. Die Organisation war on point und die zwei Wochen waren eine super Zeit im Keller. 🙂 Danke auch an alle Mitkünstler, Gäste, neue Kontakte und Freunde für die guten Gespräche und den regen Austausch und fürs Dasein.

Techtalk: Photos – Minolta X700 / f1.7 / CineStill800T@1600
Soll ja keiner sagen, ich hätte in den zwei Wochen im Keller nur getrunken und geraucht.

I fell 4 you in Vietnam


Ich entscheide mich, meinen Sidecut nachzuschneiden, während ich darauf warte, dass die Tiefkühlpizza fertig wird. Der Langhaarschneider brummt mir ins Ohr. Es ist 4 Uhr morgens. Die Sonne geht auf und alles ist tot. Bevor ich schlaflos im Bett liege und mir über meinen Tod und denselbigen geliebter Menschen Sorgen mache, muss ich etwas tun.

Ich fühle mich seltsam ausgeschlafen. Wach, wie bei einer Eingebung.

Als ich mich auf den Boden setze – zwischen den toten Haarbüscheln und mich im Spiegel ansehe, weiß ich, dass da noch mehr ist und dass es meine Aufgabe ist. Die fehlenden Haare lassen mich wie eine Kriegerin aussehen. Ich male mir mit schwarzem Lippenstift einen Kreis ums linke Auge und von der Unterlippe senkrecht über mein Kinn einen dicken Strich.

Dann verbrenne ich mir die Zunge, obwohl ich seltsam redselig bin. Besser, als mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen.

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Dieser Fetzen aus Baumwolle, den ich trage, ist jetzt mein Kettenhemd und die Jacke meine Rüstung. Ungeduscht verlasse ich die Wohnung. Bin nur mal eben Zigaretten holen. Der Sommer ist da. Das Laub aus dem letzten Jahr glitzert wie Bernstein in der Sonne, die kaum wärmt. Man muss genau hinspüren um einen Hauch Wärme zu bekommen.

Ich kann mich in den Rinnstein legen und darauf warten, dass jemand kommt und mich anschreit. Von hier aus kann man gut die Ameisen zählen. Sie sehen so beschäftigt aus, dass ich ihnen meine Geschichten lieber vorenthalte. Während ich wegträume strecke ich meine Arme aus. Meine Fingerspitzen berühren den Stahl der Gleise. Gleich wenn sie kommt, verliere ich eins oder mehrere Fingerglieder. Vermutlich fühlt es sich dann so an, wie das Knacken, als meine Freundin meine Finger in der Schiebetür eines VW-Busses einklemmt. Erst kommt der Schock, dann blutet es und Jahre später können alle Beteiligten drüber lachen. Die Bahn rumpelt und quietscht vorbei, Staub wirbelt in mein Gesicht. Mit dem Zeigefinger zerdrücke ich eine Ameise. Dann kommen sie und holen mich. Meine Rüstung schützt mich. Wehrhaft wie ich bin, halte ich mein brennendes Feuerzeug in die Höhe. Fauchend weichen sie zurück. Ich werde sie blenden, bis sie blind sind und mich verstecken, bis mich niemand findet. So schnell kriegen sie mich nicht [klein].
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2018

Zuckerherzchen


Kleine Zuckerherzchen sind überall auf der Straße verstreut in pink, gelb, blau, rot.
Nichts ist süß wie Zuckerherzchen.
Wir schlendern durch die Trümmer, wie jeden Abend, wie bei einem Sonntagsspaziergang. Es ist ein Rundgang geworden. Wir suchen nach Veränderung. Unter Stans Sohlen knirscht der Schutt, wie Butterkekse die man zerkaut. Ich würde alles geben für den friedlichen Geschmack von Butterkeksen.
An manchen Stellen ist ein Durchkommen kaum möglich. Wir sind wie verwaiste Kinder, aber die Herzchen zeigen nicht den Weg nach Hause und der Regen macht sie weg. Sie zerfließen in traurige pastellfarbene Pfützen.
Ich möchte sie aufsammeln, in meiner Hand halten und ihre unbeschwerten Farben genießen, die Süße schmecken und endlich wieder etwas Schönes haben.
Autosave-File vom d-lab2/3 der AgfaPhoto GmbH
“Wir könnten ein Hündchen haben, Stanek.”
“Ich glaube nicht, dass wir hier noch einen Hund finden.”
“Warum nicht?”
“Sie werden sie essen.”
Und ich kann Stanek nur anstarren. Ich kann in seinen Augen sehen, dass es ihm Leid tut, das gesagt zu haben. Ich will keine Tiere essen, nie mehr und schon gar keinen Hund.
“Eher verhungere ich.” trotze ich.
Stanek pickt mit der Fingerspitze ein klebriges Zuckerherzchen aus dem Staub auf.
“Das ist sehr edel von dir.” brummt er beiläufig.
Ich mag sein Lob. Er denkt, dass ich nicht drumherrum kommen werde, aber das sagt er nicht. Damit ich nicht noch trauriger werde.
“Würdest du einen Hund essen, Stanislav!?” Er legt sich den Zuckerstreusel auf die Zunge und sieht mich fest an. “Vermutlich schon. Wenn ich sehr verzweifelt wäre.”
“Und Menschen?”
“Kann ich nicht sagen.”
“Ich glaube, dass man es einfach macht. Da entscheidet man sich nicht. Der Hunger entscheidet für einen.”
Stanek zuckt mit den Schultern.
Wir beenden den Gang durch die Straßen und ich denke an einen flauschigen Hund, der uns warnen würde vor Plünderern und mit dem wir die Trümmer absuchen könnten.
Ich schreibe in mein Tagebuch, dass ich immer noch träume und ich frage mich, ob das ein gutes Zeichen ist. Wenn man Träume hat, dann hat man noch nicht aufgegeben. Ich nehme mir vor, Stanek nach seinen Träumen zu fragen.
Wir machen Feuer und während ich an weiches glänzendes Fell und eine feuchte Hundenase denke, schlafe ich ein. Als ich aufwache liegt Stanek auf der anderen Seite des Feuers. Ich kann nicht sehen, ob er schläft, oder in die Glut starrt.
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