put it down

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„Es wäre gelogen, zu sagen, dass ich alles wie eine erwachsene Frau meisterte. Das Gegenteil war eher der Fall. Mich überforderte alles und ich hasste Devon noch mehr dafür, dass er mich in diese Unsicherheit gestoßen hatte.

Neben mir lag ein kleiner Vogel, die Flügel ein wenig ausgebreitet, flach zwischen den Blättern. Ich richtete mich auf. Er hatte das Vögelchen verletzt, mit den Pfoten zu Boden gedrückt und ihm weh getan und ich musste es retten. Ich würde es retten. Vorsichtig, damit es nicht noch mehr leiden musste, schob ich meine Hände unter den kleinen Körper. Er fühlte sich tatsächlich federleicht an und ich wunderte mich, dass dieses Tierchen fast kein Gewicht hatte. Er wehrte sich glücklicherweise nicht, wusste wohl, dass ich ihm helfen würde. Bedächtig, meine Augen nicht von dem zarten Geschöpf lassend, richtete ich mich auf. Die Federn kitzelten in meiner Hand und die kleinen Füßchen mit den winzigen Krallen kratzten ein wenig.
Eilig schritt ich durch die Tür. Richard saß, die Füße auf den Tisch gelegt, lesend auf einem Stuhl. Er sah auf und beobachtete mich misstrauisch. Er würde es töten, da war ich mir sicher, also versuchte ich, es zu verstecken.
„Samantha, was hast du da?“, er hatte den Braten gerochen und mir klopfte das Herz bis zum Hals.
Nichts.“ stammelte ich.
Wenn du nichts hast, kannst du es mir doch zeigen.“
Nein.“ Er legte das Buch beiseite und nahm die Unterschenkel vom Tisch. Er durfte es nicht wissen. Ich drehte mich weg von ihm, streichelte dem kleinen Tierchen mit dem Daumen tröstend über die Flügel. Aber es brauchte Hilfe. Verzweifelt ließ ich mich auf den anderen Stuhl fallen und bettete das Vögelchen auf den Tisch. Abwechselnd lag Richards Blick auf dem Tier um mir dann fragend in die Augen zu sehen. Er beugte sich nach vorne.
Soll das ein Witz sein?“
Er braucht Hilfe. Vielleicht hat er sich was gebrochen. Der Hund hat ihm weh…“
Sam, das ist ein toter Vogel.“ Wie er so etwas behaupten konnte, war mir ein Rätsel. Ich starrte ihn an, ungläubig, widerspenstig, knabberte an meinen Fingernägeln.
Das ist nicht wahr.“ mehr konnte ich nicht kontern. Mit spitzen Fingern griff Richard nach einem Flügel, bevor ich überhaupt reagieren konnte, hob er das Tier hoch. Er sollte ihm nicht wehtun. Gleich würde das arme Ding flattern und vor Angst piepsen. Richard ließ los. Das Tierchen fiel reglos mit einem dumpfen Geräusch auf die Tischplatte zurück.

Mausetot.“ brummte er mir trocken entgegen. Ich fühlte mich wie ein Kind – ertappt bei etwas, was eigentlich verboten ist. Wortlos stand Richard auf. Er sah mich an, legte mir eine Hand auf die Schulter. Sein Daumen lag eine Sekunde zu lang auf meinem Schlüsselbein. „Nimm deine Finger da weg!“ knurrte ich leise. Plötzlich schämte ich mich entsetzlich dafür, dass ich nichts mehr unter Kontrolle hatte. Es war furchtbar. Wem konnte ich trauen, wenn sogar ich mich nicht mehr verstand?
Drehst du jetzt völlig durch?“ Ja, verdammt nochmal. Ja, hätte ich ihm gerne entgegen gebrüllt, aber ich war nur noch matt. Ein letztes Mal keimte meine Hoffnung auf.
Aber eben, da…“ begann ich. Er schnappte sich das Tier und verschwand damit nach draußen. Ich eilte ihm hinterher. „Lass das hier. Wo willst du damit hin?“

Samantha, er ist tot.“ Außer mir vor Wut packte ich sein Handgelenk, hielt ihn so fest und ruhig, wie ich konnte und zog dem Vogel aus dem Gefieder der Flügel eine lange und vor allem wunderschöne Feder. Wortlos ließ ich Richard los und verschwand wieder im Wagen.
Im Gegensatz zu dir habe ich keine Zeit zum Spielen.“ Sein Blick war spöttisch geworden, als er zurück kehrte.
Aber du würdest es gerne.“, entgegnete ich trotzig. „Gib es doch zu.“ Ich steckte die Feder zu den anderen an den Fensterrahmen. Siebzehn. Endlich hatte ich genug Mut, ihm Paroli zu bieten.“

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Auszug aus unbetiteltem Roman / 2016

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2018 / Polaroids

The Aftermath – Zu Tisch

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Vielen Dank an die Keller III – Crew, besten Dank an Sophia, die sich so hingebungsvoll um alles und alle gekümmert hat. Die Organisation war on point und die zwei Wochen waren eine super Zeit im Keller. 🙂 Danke auch an alle Mitkünstler, Gäste, neue Kontakte und Freunde für die guten Gespräche und den regen Austausch und fürs Dasein.

Techtalk: Photos – Minolta X700 / f1.7 / CineStill800T@1600
Soll ja keiner sagen, ich hätte in den zwei Wochen im Keller nur getrunken und geraucht.

Phönix – ein Versuch


„Die meisten von uns sind lebendige Wesen.
Das Blut, dass durch unsere Adern gepumpt wird. Das Herz, das unermüdlich schlägt und das Fleisch, die Muskeln, das Gehirn, ein schwammiger Klumpen in einem Kopf von jedem von uns. Seltsame Vorstellung, während ich dich so ansehe mit deinem Feuerherz, zwischen den Raucherlungen, schwarz vom Teer, verklebte Bronchien, da leuchtet ein Herz, warm und hell, wie ein glühender Ball aus flüssigem Stahl. Jeder der genau hinhört, versteht es und trotzdem versteckst du es. Gut so. Nicht jeder Mensch ist dafür gemacht.

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Ich habe einen Krimi gelesen über einen Serienmörder, der seinen Opfern den Brustkorb aufschlitzt und die Lungen als Engelsflügel über die Schultern legt. Du hättest schwarze. So edel – so düster.

Mein Herz glüht nicht, nicht mehr. Nur manchmal wird es angefacht und glimmt aufgeregt, bis es durchbrennt und zu Asche zerfällt. Strohfeuer. Immer. Bis ich das Glühen nicht mehr ertrage und die Asche wegfege. Dann kommt ein neues, wie ein Phönix – ein mickriger, gerupfter Phönix, unfähig zu fliegen, brennt auch gar nicht richtig. Hier und da ein Feuerchen, ein versuchter Brand. Das wars.

Auf ein Mal saß da an seiner Stelle eine Krähe, kein anmutiger Feuervogel, eine einfache Krähe, guckt sich frech um und pickt nach meinen Innereien, hüpft auf und ab und schlägt aufgeregt mit den Flügeln. Bloß ihre Federn wollen kein Feuer mehr fangen.“

Haufen

2017