Das Leben lieben – das Sterben suchen

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„Es war ziemlich aufregend unaufgeregt passiert. Bill war schon ein paar Wochen unterwegs und in regelmäßigen Abständen setzte bei ihm eine Depression ein. Schnaps war seine vorübergehende Lösung. Schnaps, bis er fremde Menschen ansprach und er eine Weile seine Bedeutungslosigkeit ausblenden konnte. An diesem Abend hatte er aber keine Gelegenheit dazu, denn plötzlich saß neben ihm diese kleine Frau. Sie sprach nicht und sah ihn auch nicht an. Er versuchte kurze Augenblicke von ihr zu erhaschen, ohne dass sie es bemerken würde. Er war noch nicht im richtigen Grad der Betrunkenheit angekommen, also wartete er einfach ab.

„Hör mal, ich hab ein Zimmer die Straße runter. Willst du mitkommen?“ Das waren ihre Worte und er hatte sie immer noch im Ohr. Nicht zuletzt, weil sie sie hin und wieder anwandte. Mal für ihn, mal nicht für ihn.
An dem Abend willigte er ein. Er wollte sie schließlich betrachten. Für eine Hure war sie zu schlicht und wenig aufreizend gekleidet. Die Aufregung war ihm in den Nacken gekrochen, als sie hinter ihm durch die Tür schritt und er einen Moment im Dunkel verschwand. Es stellte sich heraus, dass ihr Schmollmund und ihre dunklen Kulleraugen ihn genau da trafen, wo er verwundbar war. Er war schließlich lange alleine gewesen und sie schien Freude an ihm gefunden zu haben. Auch jetzt hatte er noch immer das selbe Gefühl, wenn er sie betrachtete. Bevor es wirklich hell werden konnte, hatte er sie gefragt.

„Kommst du mit?“ Sie pustete den Rauch an die Zimmerdecke, aber sie versuchte nicht Zeit zu gewinnen. Sie nahm sich nämlich sowieso immer alle Zeit der Welt.

„Ich erzähle dir nichts über mich, was vor 1967 passiert ist und du fragst auch nicht.“

„Hast du was ausgefressen?“

„Nein, aber ich hab’s für Geld gemacht. Mehr geht dich nicht an.“

„Und? Mein Angebot steht.“

Sie betrachtete ihn herausfordernd aus ihren Katzenaugen.

„Deine Brieftasche ist noch da und ich auch.“ schnurrte sie.

„Also?“ Würde sie ablehnen, würde er verschwinden.

„Einverstanden.“ Erst jetzt hatte Bill verstanden, was gerade wirklich passiert war. Er befreite sich aus ihrem Arm und zog sich halbherzig an. Die dunkle Jeans hing offen auf seinen Hüften, die Gürtelschnalle klimperte.

„Für ne‘ Nutte warst du aber ganz schön zimperlich.“

„Wie heißt du?“ fragte sie nonchalant. Sein Blick hing auf seiner Geldbörse. Er könnte ihr die Hälfte seines Geldes in die Hand drücken und sich weiter betrinken. Draußen machte sich allmählich der neue Tag breit. Er würde grau und dunkel werden und Bill war sich sicher, dass er ihn nicht überstehen würde. Ihre süße Stimme schlich sich in seine Gedanken. „Ich bin Susanna. Freut mich auch.“

„Bill.“ fiel er ihr hastig ins Wort. Wenn er jetzt noch ein Mal in ihre Augen sah, würde er für immer bei ihr bleiben müssen. Noch wanderte sein Blick über den Parkplatz, den Asphalt, der sich allmählich auflöste, die zerbeulten Autos und die sterbenden Bäume. Er seufzte. Ein Seufzen, dass diese ganze Welt und ihre Niedertracht in sich trug und dann drehte er sich um.

Dunkel umrandet, tiefes Braun, immer ein bisschen müde, aber stets wissend und voll von diesen ganzen Geheimnissen. Und manchmal nur für ihn, sich zierende Unschuld. So schaute sie aus ihren Augen zurück.

„Ich will noch heute über die Grenze. Es wird regnen.“

Sie sank erleichtert zurück in die Kissen und ihr Körper verschwand fast vollständig unter den dünnen Laken. Sie hatte ihn nie gefragt, wo er überhaupt hin wollte und es war ihr auch nicht wichtig. Sie hatte in ihm jemanden gefunden, der gute Gesellschaft bot und sie wollte bei ihm bleiben. Das hatte sie schon in dem Diner mit sich ausgemacht, als sie mit prüfendem Blick durch die Tür schritt und Bill das erste Mal auch nur erblickt hatte. Für einen Mann der ihr wirklich gefährlich werden könne, war er zu schmächtig, aber sicherlich immer noch stark genug, sie im betrunkenen Zustand ins Bett zu tragen. Außerdem gefiel ihr, dass sein Hemd völlig sorglos aus der Hose hing. Dieser Typ gab sich gar keine Mühe. Erschöpfte Augen starrten missmutig aus seinem unrasierten Gesicht in das Glas, das vor ihm stand. Dieses Bild brannte sich in ihre Erinnerung an ihn. Sollte er sich nicht als geeignet herausstellen, würde er trotz allem mit Sicherheit ein gelungenes Abenteuer abgeben.

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Sie lag neben ihm auf dem Bett. Seit Stunden war er vertieft in dieses bescheuerte Buch und sie verglühte fast. Doch auch als sie sich räkelte und theatralisch seufzte, bemerkte er nichts davon. Es war zum Schreien und genau jetzt würde ihr doch ein bisschen Liebe gut tun. Bill hatte sich einigermaßen damit arrangiert, dass sie öfter über ihn herfiel, als er über sie. Um ehrlich zu sein, schmeichelte es ihm sogar. Das Gefühl war aber immer nur von kurzer Dauer, denn ihre Gier bedeutete leider auch, dass sie nicht nur für ihn da war.

Langsam und bedeutungsvoll bewegte sie sich aus dem Bett, vielleicht ließ sich doch noch etwas ausrichten.

„Ich gehe duschen.“ Er schaute über den Rand des Buches hinweg, beobachtete sie.

„Ich kann jetzt nicht.“ Das war ihr doch egal. Dann suchte sie sich halt jemanden, der sie wertschätzte. Trotzig schnappte sie sich das Handtuch von der Stuhllehne. Jetzt jemanden zum Ficken zu finden, würde unheimlich viel Nerven kosten. Es war anstrengend. Immer.

Tatsächlich wirkte der kalte Schauer ein wenig und holte sie aus ihrer umwolkten Gedankenwelt.

Ein letztes Mal würde sie ihn bitten.

Nackt schlich sie sich zu ihm. Es war ein Spiel, dass sie manchmal mit ihm spielte. Sie konnte sehen, dass er nicht wirklich las, sondern nur auf die Seiten starrte. Vielmehr horchte er nach ihr und dem, was sie vor hatte.

Unisono legte er das Buch beiseite und sie sich auf ihn. Ihre nassen Haare tropften auf sein Hemd und hinterließen ein feucht kaltes Gefühl auf seiner Haut. Ihr Körper strahlte Hitze durch seine Kleidung und das Gewicht, mit dem sie ihn aufs Bett drückte, berührte ihn immer. Aber nicht jetzt. Mit zarten Fingern schob er ihr Haarsträhnen aus dem Gesicht und bei dieser Berührung starrte sie ihn verständnislos an.

„Nicht das.“ hauchte sie. Zärtlichkeiten waren jetzt völlig falsch. Das machte nur traurige Gedanken. Sie krallte sich in sein Hemd, während sie ihm einen Kuss aufzwang.

„Ich habe nein gesagt.“ Er drehte den Kopf zur Seite und ehe er sich versah, war sie aufgesprungen und zog sich an.

„Dann gehe ich jetzt.“ Die Worte fielen einzeln vor ihr zu Boden. Jedes war schwer.

„Ja, geh. – Vielleicht legt dich mal einer um.“ Er zündete sich eine Zigarette an. Sie hatte sich die Haare hastig hochgesteckt.

„Ja, vielleicht. Wenn du es nicht machst.“, murmelte sie mit einer Haarnadel zwischen den Lippen.

„Du könntest viel Geld verdienen. Warum hast du damit überhaupt aufgehört?“

„Arschloch.“ Mit einem Knall fiel die Tür ins Schloss. Hätte er doch nur gewusst, dass sie sich manchmal auch bezahlen ließ, vielleicht hätte er dann Verständnis gehabt. Bill war einfach. Ein Romantiker und auch wenn er es niemals zugeben würde, wusste sie, dass er sich manchmal nichts inniger wünschte, als ein sicheres vorhersehbares Leben.

Er würde dort liegen, bis sie zurück kam, weil er sich nicht rühren konnte, mit den Bildern im Kopf, weil er Angst davor hatte, dass sie einmal nicht zurück kommen würde.

Später wurde sie ins Bett gekrochen kommen und so tun, als sei nichts passiert. Sie würde nach Sex riechen und vielleicht würde sie sogar weinen. Das tat sie manchmal, wenn sie weg war. Er nahm sie in den Arm, egal was vorher passiert war.

„Bill! Wir müssen abhauen. Pack deine Sachen.“ Stockend wurde er wach und die Worte, die sie ihm entgegen geschleudert hatte, kamen erst bei ihm an, als er sie aus verschlafenen Augen einen Moment fragend anstarrte. „Was?“ Sein Hals war schrecklich trocken und er fühlte sich fiebrig.

„Wir können nicht bleiben.“ drängte sie beharrlich weiter, während sie umherlief und wahllos ihre Kleidung in eine Tasche stopfte.

„Hat dir einer was getan?“ Früher oder später musste es ja mal passieren. Scheißkerle gab es schließlich genug. Manchmal konnte auch er sich nicht davon ausnehmen.

„Jetzt lieg da nicht so rum.“ fauchte sie. Wie konnte er nur so langsam sein? Ihm flog seine Jeans entgegen. „Wenn es einer mitbekommen hat.“

„Was mitbekommen?“ Und plötzlich sprudelte es mit unheimlichem Wahn aus ihr heraus.

„Ich glaube, ich hab den Wichser umgebracht, Bill!“ Schneller als sie sich jemals hatte vorstellen können, war er vollständig bekleidet und mit der Tasche in der einen und ihrer Hand in der anderen auf dem Weg zum Auto.

„Du erzählst mir alles. Und ich schwöre es dir, Susanna -“ Er warf die Tasche auf den Rücksitz und sah sie über das Autodach fest an „- wenn du mich wieder anlügst, schmeiß ich dich unterwegs raus.“

„Aber-“

„Steig ein, verdammt nochmal.“

Die Reifen drehten kurz auf dem Schotter durch und der Motor heulte auf, bevor sie das Motel hinter sich ließen. „Ich höre.“ knurrte er. Seine Hand umklammerte das Lenkrad so fest, dass seine Knöchel weiß waren. Er sah sich nicht um, starrte angespannt auf die Straße. Sie saß stumm neben ihm, rührte sich nicht und versuchte möglichst teilnahmslos zu wirken. Sie hatte es ja selber kaum geglaubt. Kurz fragte sie sich, ob sie es sich nur eingebildet hatte.

„Er war scheiße zu mir.“ Irgendetwas in ihr war ein Filter, der das Chaos in ihrem Kopf davor bewahrte, sich aus ihr zu ergießen und ihre Mitmenschen zu ertränken.

„Das wars? Er war scheiße zu dir? Mehr willst du mir nicht sagen?“ Sie waren eine halbe Stunde durch die Dunkelheit gefahren, als er den Wagen ausrollen ließ, sich über Susanna hinweg beugte und die Beifahrertür aufstemmte.

„Raus.“

„Bill?“

„Raus.“

Ohne ihn auch nur anzusehen nestelte sie kurz an ihrer Handtasche und stieg dann aus dem Wagen. Dann schlug sie die Tür zu. Eher wäre sie gestorben, als jemals mit jemandem über die Sachen in ihrem Kopf zu sprechen. Klug war das nicht, was sie hier veranstaltete, aber sie hatte sich schließlich schon vor ihm alleine durchgeschlagen. Also würde sie das auch jetzt schaffen. Bill zögerte tatsächlich einen Augenblick, bevor er erneut Gas gab und ohne die kleine Frau in der Nacht verschwand. Die Rücklichter flackerten rot und unheilvoll. Es würde schon gehen. Es musste. Entschlossen setzte sie sich in Bewegung. Die letzten Stunden verschorften ziemlich rasch. Dass sie jemandes Leben ausgelöscht hatte, traf sie herzlich wenig. Er hatte es schließlich verdient und Menschen hatte sie schon öfter sterben sehen. Kurz fragte sie sich, wann sie so abgebrüht geworden war, aber es wollte ihr nicht mehr einfallen.

Susanna konnte in diesem Moment nicht wissen, dass der „Wichser“, den sie tot glaubte, gerade in einem dunklen Motelzimmer zu sich kam – nackt, seiner Geldbörse beraubt und mit seinem Gürtel um den Hals.

Bill hatte seit drei Tagen unaufhörlich Schnaps in sich hinein geschüttet und machte sich mit einem Gefühl von Gleichgültigkeit und dem bekannten Selbstmitleid auf den Weg zu seinem Auto. Er würde seinen Rausch ein wenig mit Schlaf dämpfen. Noch von weitem war er sich klar – sie war es. Er öffnete die Fahrertür und steig ein.

„Wie bist du ins Auto gekommen?“

„Ich hab noch einen Schlüssel.“

„Ich hab dir nie einen gegeben.“

„Ich hab einen nachmachen lassen.“

Mal wieder eine Kleinigkeit aus dem Archiv von 2017.
Meine Protagonisten sind häufig auf der Flucht – vor sich, vor dem Leben und auf der Suche nach Veränderung, einem Sinn oder bloß einfachem Überleben. Da vereint uns einfach der Drang zur Sehnsucht.

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„Es wäre gelogen, zu sagen, dass ich alles wie eine erwachsene Frau meisterte. Das Gegenteil war eher der Fall. Mich überforderte alles und ich hasste Devon noch mehr dafür, dass er mich in diese Unsicherheit gestoßen hatte.

Neben mir lag ein kleiner Vogel, die Flügel ein wenig ausgebreitet, flach zwischen den Blättern. Ich richtete mich auf. Er hatte das Vögelchen verletzt, mit den Pfoten zu Boden gedrückt und ihm weh getan und ich musste es retten. Ich würde es retten. Vorsichtig, damit es nicht noch mehr leiden musste, schob ich meine Hände unter den kleinen Körper. Er fühlte sich tatsächlich federleicht an und ich wunderte mich, dass dieses Tierchen fast kein Gewicht hatte. Er wehrte sich glücklicherweise nicht, wusste wohl, dass ich ihm helfen würde. Bedächtig, meine Augen nicht von dem zarten Geschöpf lassend, richtete ich mich auf. Die Federn kitzelten in meiner Hand und die kleinen Füßchen mit den winzigen Krallen kratzten ein wenig.
Eilig schritt ich durch die Tür. Richard saß, die Füße auf den Tisch gelegt, lesend auf einem Stuhl. Er sah auf und beobachtete mich misstrauisch. Er würde es töten, da war ich mir sicher, also versuchte ich, es zu verstecken.
„Samantha, was hast du da?“, er hatte den Braten gerochen und mir klopfte das Herz bis zum Hals.
Nichts.“ stammelte ich.
Wenn du nichts hast, kannst du es mir doch zeigen.“
Nein.“ Er legte das Buch beiseite und nahm die Unterschenkel vom Tisch. Er durfte es nicht wissen. Ich drehte mich weg von ihm, streichelte dem kleinen Tierchen mit dem Daumen tröstend über die Flügel. Aber es brauchte Hilfe. Verzweifelt ließ ich mich auf den anderen Stuhl fallen und bettete das Vögelchen auf den Tisch. Abwechselnd lag Richards Blick auf dem Tier um mir dann fragend in die Augen zu sehen. Er beugte sich nach vorne.
Soll das ein Witz sein?“
Er braucht Hilfe. Vielleicht hat er sich was gebrochen. Der Hund hat ihm weh…“
Sam, das ist ein toter Vogel.“ Wie er so etwas behaupten konnte, war mir ein Rätsel. Ich starrte ihn an, ungläubig, widerspenstig, knabberte an meinen Fingernägeln.
Das ist nicht wahr.“ mehr konnte ich nicht kontern. Mit spitzen Fingern griff Richard nach einem Flügel, bevor ich überhaupt reagieren konnte, hob er das Tier hoch. Er sollte ihm nicht wehtun. Gleich würde das arme Ding flattern und vor Angst piepsen. Richard ließ los. Das Tierchen fiel reglos mit einem dumpfen Geräusch auf die Tischplatte zurück.

Mausetot.“ brummte er mir trocken entgegen. Ich fühlte mich wie ein Kind – ertappt bei etwas, was eigentlich verboten ist. Wortlos stand Richard auf. Er sah mich an, legte mir eine Hand auf die Schulter. Sein Daumen lag eine Sekunde zu lang auf meinem Schlüsselbein. „Nimm deine Finger da weg!“ knurrte ich leise. Plötzlich schämte ich mich entsetzlich dafür, dass ich nichts mehr unter Kontrolle hatte. Es war furchtbar. Wem konnte ich trauen, wenn sogar ich mich nicht mehr verstand?
Drehst du jetzt völlig durch?“ Ja, verdammt nochmal. Ja, hätte ich ihm gerne entgegen gebrüllt, aber ich war nur noch matt. Ein letztes Mal keimte meine Hoffnung auf.
Aber eben, da…“ begann ich. Er schnappte sich das Tier und verschwand damit nach draußen. Ich eilte ihm hinterher. „Lass das hier. Wo willst du damit hin?“

Samantha, er ist tot.“ Außer mir vor Wut packte ich sein Handgelenk, hielt ihn so fest und ruhig, wie ich konnte und zog dem Vogel aus dem Gefieder der Flügel eine lange und vor allem wunderschöne Feder. Wortlos ließ ich Richard los und verschwand wieder im Wagen.
Im Gegensatz zu dir habe ich keine Zeit zum Spielen.“ Sein Blick war spöttisch geworden, als er zurück kehrte.
Aber du würdest es gerne.“, entgegnete ich trotzig. „Gib es doch zu.“ Ich steckte die Feder zu den anderen an den Fensterrahmen. Siebzehn. Endlich hatte ich genug Mut, ihm Paroli zu bieten.“

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Auszug aus unbetiteltem Roman / 2016

The Aftermath – Zu Tisch

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Vielen Dank an die Keller III – Crew, besten Dank an Sophia, die sich so hingebungsvoll um alles und alle gekümmert hat. Die Organisation war on point und die zwei Wochen waren eine super Zeit im Keller. 🙂 Danke auch an alle Mitkünstler, Gäste, neue Kontakte und Freunde für die guten Gespräche und den regen Austausch und fürs Dasein.

Techtalk: Photos – Minolta X700 / f1.7 / CineStill800T@1600
Soll ja keiner sagen, ich hätte in den zwei Wochen im Keller nur getrunken und geraucht.

Phönix – ein Versuch


„Die meisten von uns sind lebendige Wesen.
Das Blut, dass durch unsere Adern gepumpt wird. Das Herz, das unermüdlich schlägt und das Fleisch, die Muskeln, das Gehirn, ein schwammiger Klumpen in einem Kopf von jedem von uns. Seltsame Vorstellung, während ich dich so ansehe mit deinem Feuerherz, zwischen den Raucherlungen, schwarz vom Teer, verklebte Bronchien, da leuchtet ein Herz, warm und hell, wie ein glühender Ball aus flüssigem Stahl. Jeder der genau hinhört, versteht es und trotzdem versteckst du es. Gut so. Nicht jeder Mensch ist dafür gemacht.

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Ich habe einen Krimi gelesen über einen Serienmörder, der seinen Opfern den Brustkorb aufschlitzt und die Lungen als Engelsflügel über die Schultern legt. Du hättest schwarze. So edel – so düster.

Mein Herz glüht nicht, nicht mehr. Nur manchmal wird es angefacht und glimmt aufgeregt, bis es durchbrennt und zu Asche zerfällt. Strohfeuer. Immer. Bis ich das Glühen nicht mehr ertrage und die Asche wegfege. Dann kommt ein neues, wie ein Phönix – ein mickriger, gerupfter Phönix, unfähig zu fliegen, brennt auch gar nicht richtig. Hier und da ein Feuerchen, ein versuchter Brand. Das wars.

Auf ein Mal saß da an seiner Stelle eine Krähe, kein anmutiger Feuervogel, eine einfache Krähe, guckt sich frech um und pickt nach meinen Innereien, hüpft auf und ab und schlägt aufgeregt mit den Flügeln. Bloß ihre Federn wollen kein Feuer mehr fangen.“

Haufen

2017

I fell 4 you in Vietnam


Ich entscheide mich, meinen Sidecut nachzuschneiden, während ich darauf warte, dass die Tiefkühlpizza fertig wird. Der Langhaarschneider brummt mir ins Ohr. Es ist 4 Uhr morgens. Die Sonne geht auf und alles ist tot. Bevor ich schlaflos im Bett liege und mir über meinen Tod und denselbigen geliebter Menschen Sorgen mache, muss ich etwas tun.

Ich fühle mich seltsam ausgeschlafen. Wach, wie bei einer Eingebung.

Als ich mich auf den Boden setze – zwischen den toten Haarbüscheln und mich im Spiegel ansehe, weiß ich, dass da noch mehr ist und dass es meine Aufgabe ist. Die fehlenden Haare lassen mich wie eine Kriegerin aussehen. Ich male mir mit schwarzem Lippenstift einen Kreis ums linke Auge und von der Unterlippe senkrecht über mein Kinn einen dicken Strich.

Dann verbrenne ich mir die Zunge, obwohl ich seltsam redselig bin. Besser, als mit dem Kopf gegen die Wand zu schlagen.

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Dieser Fetzen aus Baumwolle, den ich trage, ist jetzt mein Kettenhemd und die Jacke meine Rüstung. Ungeduscht verlasse ich die Wohnung. Bin nur mal eben Zigaretten holen. Der Sommer ist da. Das Laub aus dem letzten Jahr glitzert wie Bernstein in der Sonne, die kaum wärmt. Man muss genau hinspüren um einen Hauch Wärme zu bekommen.

Ich kann mich in den Rinnstein legen und darauf warten, dass jemand kommt und mich anschreit. Von hier aus kann man gut die Ameisen zählen. Sie sehen so beschäftigt aus, dass ich ihnen meine Geschichten lieber vorenthalte. Während ich wegträume strecke ich meine Arme aus. Meine Fingerspitzen berühren den Stahl der Gleise. Gleich wenn sie kommt, verliere ich eins oder mehrere Fingerglieder. Vermutlich fühlt es sich dann so an, wie das Knacken, als meine Freundin meine Finger in der Schiebetür eines VW-Busses einklemmt. Erst kommt der Schock, dann blutet es und Jahre später können alle Beteiligten drüber lachen. Die Bahn rumpelt und quietscht vorbei, Staub wirbelt in mein Gesicht. Mit dem Zeigefinger zerdrücke ich eine Ameise. Dann kommen sie und holen mich. Meine Rüstung schützt mich. Wehrhaft wie ich bin, halte ich mein brennendes Feuerzeug in die Höhe. Fauchend weichen sie zurück. Ich werde sie blenden, bis sie blind sind und mich verstecken, bis mich niemand findet. So schnell kriegen sie mich nicht [klein].
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2018

Mimi


„Alle gehen irgendwohin, machen irgendwas schönes und ich sitze hier, die Katze auf dem Arm und winke über den Gartenzaun hinweg. Eine sichere Grenze die mich davon trennt, die Welt zu erkunden und zu betreten. Eine Grenze zwischen meinem vorhersehbaren Leben und der schrecklichen Welt und ihren feindlichen Menschen. Ich bleibe zurück und halte die Stellung, während andere ihr Leben leben, bin ich auf Abruf bereit, stets vorsichtig mit fragend erhobenem Zeigefinger.

Ich frage Mimi, was schon passieren soll. Und sie sagt nichts. Mimi fragt sich nicht, ob sie zurück bleibt. Sie jagt Mäuse und legt sie mir auf die Fußmatte, wo ich sie gut sehen und Mimi loben kann. Eine Katze braucht Lob, wenn sie einem ein Geschenk macht. Sie ist froh, wenn sie Lob kriegt, dann mauzt sie noch energischer mit ihrem Katzenstimmchen. Und ich entsorge dann den kleinen Mäusekadaver und tätschele mein Kätzchen für jedes weitere kleine Leben, dass es aushaucht.

„Gut gemacht.“ Mimi schleicht mir verstohlen um die Beine.

Die Spitzmäuse findet sie nicht mal lecker. Die fängt sie nur meinetwegen. Wenigstens jemand, der mich nicht vergessen hat. Ich bin sicher, wenn sie mich nicht hätte, hätten mehrere hundert Spitzmäuse ihr Leben noch nicht gelassen.

Und dann mache ich mich auf den Weg und Mimi steht am Tor, durch das ich eben geschritten bin und ich frage sie, ob sie mitkommen will, aber sie sagt, dass die Welt zu groß ist für eine kleine Katze. Ich finde das nicht und ich möchte sofort wieder zurück hinter den Zaun, in meine Sicherheit, mit Mimi hinaus schauen, während andere vorbei ziehen, ihnen winken und einen gute Reise wünschen. Wenn man weggeht, nimmt man immer etwas mit, mindestens einen Pullover, oder eine Zahnbürste. Weder das eine noch das andere habe ich eingepackt. Ich kann also noch nicht los.

„Meinst du es wird regnen?“

„Mau.“ macht Mimi fragend.

Also kein Regen, oder vielleicht doch, woher soll sie das schließlich wissen. Ich weine um Mimi, als ich dem Weg folge. Wie lange ist man unterwegs? Und wie lange hält so ein Katzenleben eigentlich? Mir landen die ersten Tropfen im Haar.“
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2017

Zuckerherzchen


Kleine Zuckerherzchen sind überall auf der Straße verstreut in pink, gelb, blau, rot.
Nichts ist süß wie Zuckerherzchen.
Wir schlendern durch die Trümmer, wie jeden Abend, wie bei einem Sonntagsspaziergang. Es ist ein Rundgang geworden. Wir suchen nach Veränderung. Unter Stans Sohlen knirscht der Schutt, wie Butterkekse die man zerkaut. Ich würde alles geben für den friedlichen Geschmack von Butterkeksen.
An manchen Stellen ist ein Durchkommen kaum möglich. Wir sind wie verwaiste Kinder, aber die Herzchen zeigen nicht den Weg nach Hause und der Regen macht sie weg. Sie zerfließen in traurige pastellfarbene Pfützen.
Ich möchte sie aufsammeln, in meiner Hand halten und ihre unbeschwerten Farben genießen, die Süße schmecken und endlich wieder etwas Schönes haben.
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“Wir könnten ein Hündchen haben, Stanek.”
“Ich glaube nicht, dass wir hier noch einen Hund finden.”
“Warum nicht?”
“Sie werden sie essen.”
Und ich kann Stanek nur anstarren. Ich kann in seinen Augen sehen, dass es ihm Leid tut, das gesagt zu haben. Ich will keine Tiere essen, nie mehr und schon gar keinen Hund.
“Eher verhungere ich.” trotze ich.
Stanek pickt mit der Fingerspitze ein klebriges Zuckerherzchen aus dem Staub auf.
“Das ist sehr edel von dir.” brummt er beiläufig.
Ich mag sein Lob. Er denkt, dass ich nicht drumherrum kommen werde, aber das sagt er nicht. Damit ich nicht noch trauriger werde.
“Würdest du einen Hund essen, Stanislav!?” Er legt sich den Zuckerstreusel auf die Zunge und sieht mich fest an. “Vermutlich schon. Wenn ich sehr verzweifelt wäre.”
“Und Menschen?”
“Kann ich nicht sagen.”
“Ich glaube, dass man es einfach macht. Da entscheidet man sich nicht. Der Hunger entscheidet für einen.”
Stanek zuckt mit den Schultern.
Wir beenden den Gang durch die Straßen und ich denke an einen flauschigen Hund, der uns warnen würde vor Plünderern und mit dem wir die Trümmer absuchen könnten.
Ich schreibe in mein Tagebuch, dass ich immer noch träume und ich frage mich, ob das ein gutes Zeichen ist. Wenn man Träume hat, dann hat man noch nicht aufgegeben. Ich nehme mir vor, Stanek nach seinen Träumen zu fragen.
Wir machen Feuer und während ich an weiches glänzendes Fell und eine feuchte Hundenase denke, schlafe ich ein. Als ich aufwache liegt Stanek auf der anderen Seite des Feuers. Ich kann nicht sehen, ob er schläft, oder in die Glut starrt.
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